Rehe im Erzgebirge – Lebensweise, Verhalten und Tipps für die Tierfotografie

Das Reh gehört zu den bekanntesten und gleichzeitig faszinierendsten Wildtieren unserer heimischen Landschaft. Auch im Erzgebirge ist es weit verbreitet – und dennoch bleibt es oft unbemerkt. Wer Rehe fotografieren oder einfach besser verstehen möchte, sollte ihre Lebensweise, Sinne und Gewohnheiten kennen. Genau dieses Wissen hilft dabei, sie respektvoll zu beobachten und erfolgreich in der Tierfotografie festzuhalten.

Rehspur ziehend

Einordnung: Kein „kleiner Hirsch“

Auch wenn es oft so genannt wird: Das Reh ist kein kleiner Rothirsch. Als sogenannter Trughirsch ist es näher mit dem Ren, dem Elch und dem amerikanischen Weißwedelhirsch verwandt als mit dem in Mitteleuropa ebenfalls heimischen Rothirsch. Dennoch gehört es – wie Rot- und Damwild – zur Familie der Hirsche.


Körperbau und Anpassung an den Lebensraum

Rehe sind perfekt an strukturreiche Landschaften angepasst. Sie sind Kurzstreckenrenner: Ihre Hinterläufe sind größer und kräftiger ausgebildet als die Vorderläufe, die Beine insgesamt im Verhältnis zum Körper eher lang. Auffällig ist zudem das stark eingeknickte Sprunggelenk der Hinterläufe.

Durch ihre keilförmige Körperform können Rehe lautlos durch hohes Gras, dichtes Unterholz oder Gebüsch schlüpfen. Bei Beunruhigung flüchten sie nicht weit, sondern mit wenigen schnellen Sprüngen direkt in die nächste Deckung – ein Verhalten, das sie für die Beobachtung oft so schwer greifbar macht.


Der Geruchssinn ist entscheidend

Der wichtigste Sinn des Rehs ist der Geruchssinn. Rehe können Menschen auf mehr als 300 Meter Entfernung wittern. Das macht Windrichtung zu einem der wichtigsten Faktoren bei der Beobachtung und Tierfotografie.

Fotografischer Hinweis:

Der Wind sollte immer von vorn oder seitlich wehen – niemals in Richtung des Tieres. Nimmt ein Reh Witterung auf, ist es meist sofort verschwunden.


Lebensraum und Verbreitung

Der ideale Lebensraum für Rehe ist eine Landschaft mit hohem Waldrandanteil, also ein Wechsel aus Wald, Wiesen, Feldern und Hecken – genau das, was im Erzgebirge vielerorts zu finden ist.

Noch vor etwa 150 Jahren war das Reh in Mitteleuropa vergleichsweise selten. Heute kommt es fast in ganz Europa und im Mittleren Osten vor und breitet sich sogar weiter nach Norden bis nach Skandinavien aus. Lediglich auf den Mittelmeerinseln fehlt es weitgehend.


Lebensweise und Sozialverhalten

Rehe leben die meiste Zeit einzeln. Nur in den Wintermonaten oder ab dem Herbst schließen sie sich zu kleinen Verbänden zusammen, den sogenannten Sprüngen. In offenen Feldlandschaften können diese aus mehreren Dutzend Tieren bestehen.

Rehe sind sehr standorttreu. Die Grenzen ihres Aktionsraums – etwa Feldränder, Wege, Straßen oder Hecken – werden genau eingehalten. Zur Reviermarkierung nutzen sie Drüsen oberhalb der Hufe, Rehböcke zusätzlich Duftdrüsen an der Basis ihrer Geweihstangen.

Rehböcke besetzen ihre Territorien häufig über mehrere Jahre hinweg. Ricken hingegen leben vor allem in den ersten Wochen nach der Geburt ihrer Kitze einzelgängerisch und verteidigen einen kleinen, klar abgegrenzten Aktionsraum gegen andere Ricken.


Das Geweih der Rehböcke

Wie beim Rotwild tragen auch bei Rehen nur die Böcke ein Geweih. Dieses ist im Vergleich klein: Die Stangen sind meist 15 bis 20 Zentimeter lang und weisen typischerweise drei Enden auf.

Die wichtigste Funktion des Geweihs ist der Kampf mit Artgenossen sowie die Reviermarkierung. Über Duftdrüsen an der Stangenbasis hinterlassen Rehböcke zusätzliche Geruchssignale.

Bei Böcken über ein Jahr fällt das Geweih jährlich zwischen Oktober und Dezember ab. Direkt danach beginnt es unter einer nährenden Basthaut neu zu wachsen. Im Frühjahr stirbt diese Haut ab und wird durch das Fegen an Büschen und jungen Bäumen abgestreift.


Brunftzeit: Die aufregendste Phase

Die Brunft der Rehe findet bei uns etwa von Mitte Juli bis Mitte August statt. Wochen zuvor haben die Rehböcke ihre Reviere bereits intensiv markiert und verteidigt. Besonders im Mai kommt es häufig zu Imponiergehabe und Kämpfen zwischen gleich starken Böcken.

Die Brunftzeit der Ricken ist kurz: Sie beginnt etwa 67 Tage nach der Geburt des Kitzes und dauert nur rund vier Tage. Paarungsbereite Ricken werden von den Böcken oft über Tage verfolgt, was für die Böcke mit einem erheblichen Gewichtsverlust einhergeht.

Nach der Paarung tritt die sogenannte Keimruhe ein. Erst ab Dezember entwickelt sich der Embryo weiter, sodass die Kitze pünktlich im Mai oder Juni geboren werden – eine ideale Zeit mit reichlich Nahrung und milden Temperaturen. Je nach Lebensraum bringen Ricken ein Kitz, Zwillinge oder in seltenen Fällen Drillinge zur Welt.


Trittsiegel und Fährten

Die Trittsiegel des Rehs sind länglich-herzförmig und wirken wie eine verkleinerte Version der Rotwildfährte. Da Rehe hochläufig sind, haben sie im Verhältnis zur Körpergröße eine relativ lange Schrittweite – ein hilfreiches Merkmal beim Spurenlesen im Schnee oder Schlamm.

Rehspur ziehend

Reh-Spur ziehend

Rehspur flüchtend

Reh-Spur flüchtend


So fotografiere ich Rehe im Erzgebirge

Die besten Zeiten für die Rehfotografie sind die Dämmerungsstunden am Morgen und Abend. Dann sind die Tiere aktiv und das Licht weich und warm. In der kühleren Jahreszeit lassen sich Rehe auch mittags beobachten, allerdings ist das Licht dann oft sehr hart.

Weitere wichtige Punkte aus meiner Praxis:

  • Achte konsequent auf die Windrichtung

  • Suche strukturreiche Orte wie Wald-Wiesen-Übergänge

  • Bewege dich langsam, geduckt und leise

  • Trage gedeckte Kleidung – Tarnmuster sind nicht zwingend nötig

  • Ein Teleobjektiv ist klar von Vorteil, um Abstand zu halten und die Tiere nicht zu stören

Geduld und Wiederholung sind entscheidend. Rehe tauchen oft an denselben Stellen auf – wer regelmäßig beobachtet, wird belohnt.


Fazit

Rehe sind hervorragend an ihren Lebensraum angepasst, extrem wachsam und dennoch regelmäßig in unserer Landschaft präsent. Wer ihr Verhalten versteht, kann sie nicht nur besser beobachten, sondern auch respektvoll fotografieren. Gerade im Erzgebirge bieten strukturreiche Lebensräume ideale Bedingungen für eindrucksvolle Begegnungen mit diesem faszinierenden Wildtier.

Rehspur flüchtend

Wenn du mehr Fotos über Rehe sehen möchtest, schau gern in meiner Fotogalerie vorbei.

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